STELL DIR EINEN ORT VOR…
Manchmal glaube ich, ich denke zu viel.
Manchmal denke ich mir, ich glaube zu wenig.
Oder zu schwach oder zu klein,
oder zu anders als alle anderen.
Manchmal zerdenke ich meinen Glauben bis zur Unkenntlichkeit.
So sehr, dass er ganz matschig wird und matt
und noch unsichtbarer aussieht,
als er es ohnehin oft genug ist.
Wenn ich daran denke, was ich glaube,
ploppen Worte wie „Zuhause“
oder „Gott“ oder „Hoffnung“ oder „Liebe“
auf in meinem Kopf.
Und dann wünsche ich mir immer eine Sprache zu haben,
die Buchstaben in die richtige Reihenfolge zu balancieren,
um formulieren zu können, was mir hier und heute
diese Glaubens-denk-im-Kopf-aufplopp-Worte bedeuten.
Manche Phrasen sind beinahe unbemerkt zu zahnlosen Hülsen verkommen.
Ich übersetze Glaubenssätze, setze über an die Grenze des Denkbaren
und dehne das, was ich sehe zu Traumszenen.
Selig die Träumenden, den sie könnten Erfüllung finden
oder Enttäuschung. Oder beides. Oder beides gleichzeitig,
aber anders, als geahnt, gehofft oder vermutet.
Selig die Neugierigen, weil sie offen sind und sich bewegen
lassen und nicht einstauben im Keller ihrer eigenen Gedankenweben.
Stell dir einen Ort vor…
Einen Ort zum Teilen und Weinen,
für die großen Fragen und kleinen
Freuden und die wichtigen Feste
und mit einer Gemeinschaft, an der man sich festhält.
Einen Ort zum Trauern und zum Fehler bedauern.
Einen Ort um gemeinsam zu glauben,
und nachzudenken, was das heißt und wie das geht
und wie man und was man darunter versteht und übersetzt für den,
der noch neugierig vor der Tür steht und sich nicht traut hineinzugehen.
Einen Ort, an dem ich meine Angst abladen kann.
Einen Ort, zu den ich komme, wenn ich dankbar
bin. Ein Beziehungsort, wo Christus wohnt,
und wo wir ihm begegnen.
Einen Ort, dem Ruhe und Frieden inne wohnen.
Einen Ort für Vielfalt und für Traditionen.
Einen Ort, an dem ich mich mit meinen Anliegen anschmiegen kann
und weiß, dass sie gehört sind.
Einen Ort für Familie. Oder einen Ort, der wie Familie wäre.
Einen Ort für alle Formen und Phasen von Anfang bis Ende
des Lebens.
Aber wie stellt man sich so einen Ort vor,
stehend hier, sitzend, kauernd
auf dem Boden der Tatsachen realer Orte,
brutaler Worte und lautem Schweigen
und Lieblosigkeiten
und Veränderungen und Herausforderungen?
Wie setze ich (meine) Orte in Taten um?
Stell dir einen Ort vor…
Einen Ort der Inklusion, wo jede Person
kommen und sein darf wie sie ist.
Ohne sichtbare Hürden oder doppelte Böden,
die das Dazugehören-wollen unnötig erschweren.
Einen Ort, an dem Zweifeln und Scheitern und
„Ich weiß nicht mehr weiter“ willkommen sind.
Einen Ort, an dem Gott ist und Menschen
sind und Ausgrenzen deshalb undenkbar wäre.
Einen Ort mit Nächstenliebe auf dem Klingelschild
und dem Bewusstsein, dass diese bedingungslos jeder und jedem gilt.
Einen Ort, an dem wir heute ein Morgen träumen.
Einen Ort mit sicheren Räumen - FÜR ALLE!
Einen Ort gelebter Gerechtigkeit, wo nicht betroffen geschwiegen,
sondern mit den Opfern und von Unrecht betroffenen geschrieen wird.
Einen Ort, wo dir deine Geschichte geglaubt wird.
Einen Ort, der ganz und gar auf Barmherzigkeit gebaut ist.
Einen Ort, wo der Boden mit Vertrauen
gepflastert ist und deine Würde wirklich unantastbar ist.
Einen Ort des Füreinander, der vielleicht nach Weihrauch riecht,
aber vor allem duftet nach Annahme und Gnade
und wo Fenster von beiden Seiten geöffnet werden können,
um Frische reinzulassen.
Einen Ort für die Verbrannten und Unerkannt am Rand
stehen gelassenen.
Einen Ort der Begegnung mit dem großen Geheimnis,
das im Kleinen daheim ist.
Einen Ort laut zu sein, wenn dir einfach zum Schreien ist.
Einen Ort, wo es ok ist, wenn die Worte fehlen,
Einen Ort, an dem wir uns gegenseitig die Geschichten erzählen,
wer wir sind und woher und warum
und einen Ort des Zuhörens und Verstehens
entstehen lassen.
Zusammen.
Und ich gebe zu:
So richtig stelle ich mir das alles selten vor.
Irgendwie scheint mir das fast zu viel und zu groß
und ich mir zu zynisch fast, hilflos
und resigniert,
manchmal suche ich meinen Glauben daran,
dass es doch anders wird.
Möglicherweise ist das sogar wahr.
Vielleicht ist das alles naiv
und Utopien
sind schon dem Wortsinn nach
keine echten Orte, in die echte Menschen einziehen.
Aber ein bisschen glaube ich trotzdem,
wenn es möglich ist diesen Ort zu denken, dann
haben wir vielleicht ja bereits angefangen
an einem solchen Ort zu bauen.
Wie werden (meine) Orte zu Taten?
Selig die Träumenden,
denn sie haben ein Bild gesehen, auf das sie zugehen können
und das sie motiviert nach vorne zu sehen.